Hintergrund zur Studie

Die Herkunft einer Person und ihr erfolgreicher Übergang von der Schule in eine Ausbildung bzw. in ein Studium stehen in Deutschland nach wie vor in einem engen Zusammenhang. Dadurch entsteht eine schwer auszugleichende Chancenungleichheit. Benachteiligt sind dabei Jugendliche aus Familien mit geringen finanziellen Möglichkeiten, mit Migrationshintergrund bzw. Jugendliche, deren Eltern selbst nur über eine geringe Schulbildung verfügen und wenig Kenntnisse des deutschen Schul- und Übergangssystems haben. Das zeigt sich u.a. in der unterschiedlich häufigen Aufnahme eines Studiums von Akademiker- (71%) und Nicht-Akademikerkindern (24%, Urbatsch, 2013, S.1).

Die schulische Berufs- und Studienorientierung kann dieser Benachteiligung entgegenwirken. Per Gesetz erhalten alle Jugendliche unterstützende Berufs- und Studienorientierung durch ihre Schule und die Bundesagentur für Arbeit. Zur systematischen Förderung und Durchführung von Berufs- und Studienorientierung bestehen heute in vielen Bundesländer verbindliche Landeskonzepte, wie beispielsweise Kein Abschluss ohne Anschluss (KAoA) in Nordrhein-Westfalen oder das Berliner Landeskonzept zur Berufs- und Studienorientierung.

Gleichzeitig werden 25 % der Ausbildungsverträge vorzeitig aufgelöst (BMBF, 2016, S. 7) und die Studienabbruchquote liegt bei 29 % (Heublein et al., 2017, S. XV). Obwohl die Abbruchgründe vielseitig sind, zeigt sich an diesen Zahlen, dass die Berufs- und Studienorientierung weiter auf die individuellen Bedürfnisse der Jugendlichen zugeschnitten werden muss.

Drei wesentliche Bereiche müssen dafür weiter adressiert werden: 

Verstärkte Standardisierung von Maßnahmen der Berufs- und Studienorientierung im Sinne der Definition, Inhalte und Qualitätsstandards.

Berufs- und Studienorientierungsmaßnahmen sind deutschlandweit nicht standardisiert, d.h. unter dem gleichen Namen werden mitunter sehr variable Konzepte, versehen mit unterschiedlichen Zielen bei verschiedener Qualität angeboten. Ein wissenschaftlicher Vergleich der Wirkungsweisen und die deutschlandweite Etablierung von Best-Practice Modellen sind bisher schwierig, da entsprechende Studien, wie die hier geplante, noch nicht existierten.

Individualisierung im Sinne von Diagnostik individueller Bedürfnisse der Jugendlichen und Anpassung der Angebote an diese.

In den Schulen wird Berufs- und Studienorientierung mehrheitlich im Klassenverband durchgeführt, also ohne eine Berücksichtigung individueller Bedürfnisse und Kompetenzen der Jugendlichen, obwohl die gleiche Maßnahme bei unterschiedlichen soziodemografischen Merkmalen und Leistungsgruppen nachweislich unterschiedlich starke Effekte zeigen (vgl. Ohlemann & Ittel, 2017).

Steigerung der Transparenz und Information für Schulen zur Eignung von berufsorientierenden Angeboten für spezifische Zielgruppen.

Die Durchführung einer individualisierten Berufs- und Studienorientierung trifft in Schulen auf Herausforderungen. Für die verantwortlichen Personen, die für ihre Schule die Angebote der Berufs- und Studienorientierung auswählen und deren Durchführung planen, stellt die Maßnahmenfülle, die in das schuleigene Berufsorientierungskonzept integriert werden können, einen zum Teil schwer durchschaubaren Dschungel dar. Zudem gibt es wenige empirisch fundierte Informationen darüber, von welchen BSO-Maßnahmen die unterschiedlichen Schüler_innen besonders profitieren.


Literatur:

Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.) (2016). Berufsbildungsbericht 2016. Berlin: BMBF

Driesel-Lange, K. (2017). Jede Medaille hat zwei Seiten. Herausforderungen an Theorie und Praxis der Berufsorientierung. In T. Brüggemann, K. Driesel-Lange & C. Weyer (Hrsg.), Instrumente der Berufsorientierung (S. 327 -330). Münster: Waxmann.

Heublein, U. Ebert, J., Hutzsch, C., Isleib, S. König, R.Richter, J. & Woisch, A. (2017). Zwischen Studienerwartungen und Studienwirklichkeit – Ursachen des Studienabbruchs, beruflicher Verbleib der Studienabbrecherinnen und Studienabbrecher und Entwicklung der Studienabbruchquote an deutschen Hochschulen. DZHW: Forum Hochschule 1/2017. Abgerufen von: www.dzhw.eu/pdf/pub_fh/fh-201701.pdf

Urbatsch, K. (2013). Bildungsaufstieg ist eine enorme Leistung. Berlin: Bundesministerium für Bildung und Forschung. Abgerufen von www.deutschlandstipendium.de/de/2308.php

Ohlemann, S. & Ittel, A. (2017). Zusammenhänge von Berufs- und Studienorientierungsmaßnahmen und persönlichen Merkmalen von Jugendlichen als Determinanten individualisierter schulischer Berufs- und Studienorientierung? In T. Brüggemann, K. Driesel-Lange & C. Weyer (Hrsg.), Instrumente der Berufsorientierung (S. 125-154). Münster: Waxmann.